Drei Fragen an … Y. Kathrein

Drei Fragen an Yvonne Kathrein, Germanistin an der Universität Innsbruck und beteiligt am Rückwege – Archäologie in der Silvretta Projekt (Kathrein 2010). Mehr Informationen zur Arbeit von Y. Kathrein findet man auf der Institutssite.

Alpine Archäologie: Sie sind u. A. am Forschungsprojekt „Rückwege“ im Silvrettagebirge beteiligt. Was macht es so interessant für eine Germanistin mit Archäologen zusammenzuarbeiten?

Y. Kathrein: Orts- und Flurnamen erlauben nicht nur Einblicke in topographische Gegebenheiten, sondern auch in die Nutzung der Landschaft durch den Menschen. So weisen etwa Namen wie Lärchleite, Hüttenboden oder Kuchlkofel zum einen sowohl auf die Topographie als auch auf den Bewuchs des benannten Objektes, indem sie jeweils eine Hangneigung (Leite), eine Ebene (Boden) und eine Geländeerhöhung (Kofel) bzw. in diesem Fall den Bewuchs mit Lärchen in ihrem Namen inkorporieren. Sie transportieren zum anderen aber auch Informationen über die rezente oder einstige Nutzung dieser Landschaft, z. B. die Errichtung einer Hütte an der benannten Stelle. Gleichzeitig lassen sie aber häufig auch sehr viele Fragen offen: ist der Lärchenbewuchs natürlich oder steht er Zusammenhang mit eventueller Weidewirtschaft? (Lärchwiesen wurden zu diesem Zweck oft künstlich geschaffen, da sie dem Vieh Schutz vor Wind und Wetter boten, aber auch Grasbewuchs zuließen.) Wann wurde die (möglicherweise gar nicht mehr existierende) Hütte am Hüttenboden errichtet und zu welchem Zweck? Was meint der Namenbestandteil Küche? Handelt es sich dabei tatsächlich um ein Gebäude, in dem gekocht wurde (etwa, um sich während der mehrere Tage andauernden Mäharbeit im Gebirge selbst mit warmen Speisen zu versorgen). Oder sind damit Felshöhlen gemeint (das ist nämlich die zweite Bedeutung des Wortes). Spätestens hier beginnen also die Schwierigkeiten bei der Nameninterpretation, die man in einem monodisziplinären Ansatz nicht lösen wird können. Insofern tun sich durch eine Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa archäologischen, ganz neue Möglichkeiten zum Verständnis des Forschungsmaterials auf. Umgekehrt ist es aber genauso spannend, zur (Teil)-Beantwortung archäologischer Fragestellungen beitragen zu können: da, wie bereits erwähnt, Toponyme (Örtlichkeitsnamen) Informationen über Topographie, Bewuchs oder die Landnutzung zum Zeitpunkt der Namengebung liefern, ermöglichen sie es, potentielle Fundstellen zu lokalisieren und teilweise auch zur Interpretation des archäologischen Befundes beizutragen. Auch die Frage nach den Namengebern und somit nach bestimmten Nutzungsphasen kann durch onomastische (namenkundliche) Forschungen beantwortet werden, sobald mehr als eine Sprachschicht im Namenmaterial vorliegt. So zeugen etwa Namen wie Lartscheid (< *laricedu „[Wiese mit] Lärchenbestand“), Gampertun (< *campu rotundu „rundes Feld“) oder Tobadill (< *tabulatillu „kleiner Heustadel“) nicht nur von romanischen Namengebern, sondern sie geben auch Auskunft über deren Wirtschaftsweise. Darüber hinaus informieren sie aufgrund bestimmter sprachlicher Phänomene (etwa die Lage des Akzentes) über den ungefähren Eindeutschungszeitpunkt. Solche Informationen warten natürlich nur darauf, an archäologische Ergebnisse angeknüpft und im besten Fall verifiziert zu werden. Das Spannende ist also, durch die wechselseitige Befruchtung dieser beiden Wissenschaftsdisziplinen zu einem Mehrwert zu gelangen, den eine Disziplin allein eben nicht oder nur in eingeschränktem Maße hätte erreichen können.

Alpine Archäologie: Sie haben – im Rahmen des Silvretta-Projektes – Zeitzeugen befragt und Flurnamen untersucht. Wie sehen sie die Zukunft/was ist das Potential dieser Forschungssparte in den Alpen?

Y. Kathrein: Naturgemäß ist es seit Jahrzehnten höchst an der Zeit, die Dokumentation des noch existierenden Namenmaterials bzw. den Informationstransfer von kundigen, mit der Landschaft und mit der einstigen menschlichen Einflussnahme vertrauten Gewährspersonen voranzutreiben: dieses Wissen als Teil des immateriellen kulturellen Erbes einer Region, das unter Umständen aus jahrhundertelang Tradiertem gewachsen ist, droht in Zeiten immer rascher sich ändernden ökologischen und sozio-ökonomischen Bedingungen ins Abseits gedrängt und schließlich verlorenzugehen. Insofern besteht ein wichtiger Teil der Interviewarbeit in der Dokumentation des an eine Kulturlandschaft geknüpften Erinnerten. Darüberhinaus handelt es sich zwangsläufig auch immer um eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Status quo, des jetzt Gültigen und Bekannten bzw. bereits Unbekannten, was als Vergleichsmoment sowohl für Vergangenes als auch für Zukünftiges dienen kann. Das meiner Meinung nach aber noch größere Potential der Methode oral history liegt fernab von theoretischen Überlegungen im Erfahrbar-Machen realer Lebenswelten: um den Menschen und seine Strategien in der täglichen Konfrontation mit seiner Umwelt, egal ob vergangen oder gegenwärtig, verstehen zu können – denn um das Verstehen geht es – bedarf es der Bewusstmachung seiner unmittelbaren Lebensbedingungen, deren direkte Folge bestimmte Lebensweisen, Wahrnehmungen, Anschauungen und „geistige Produkte“ sind. Diesen mentalen Sprung vom Hier und Jetzt der Interviewenden in ein Dort und Dann der Interviewpartner vermag oral history – immer unter der Prämisse guter Vorbereitung und flexibler Gesprächsführung – in sehr subtiler Weise zu machen. Die Idee hinter diesem Verstehensprozess ist in unserem Fall eine Annäherung an jenen Menschen und seine Hinterlassenschaften, der von der Landschaft im jeweiligen Untersuchungsgebiet, egal zu welchen Zeiten, geprägt wurde und sie prägte. Das wiederum erlaubt schließlich Analogiebildungen, die natürlich trotzdem immer noch kritisch hinterfragt und mit Ergebnissen anderer Disziplinen (Archäologie, Botanik, Dendrochronologie, Geschichte etc.) abgeglichen werden sollten.

Alpine Archäologie: Zeitzeugen Interviews sind nicht selbstverständlich in der Archäologie. Können Sie noch einige weitere Projekte – von Ihnen oder Kolleginnen und Kollegen – nennen, die für uns Archäologinnen & Archäologen interessant sein könnten?

Y. Kathrein: Ich arbeite selbst an zwei weiteren Projekten, die interdisziplinär angelegt sind:

Das erste (HiMAT History of Mining Activities in the Tyrol an Adjacent Areas) untersucht den Einfluss des Bergbaus auf Mensch und Umwelt in Tirol und seinen angrenzenden Gebieten. Unsere Aufgabe ist die Sammlung rezenten und historischen Namenmaterials in Bergbauregionen, um u. a. in Zusammenarbeit mit Archäologen zu einer möglichst umfassenden Auswertung des Materials zu gelangen. Dort eingebunden sind außerdem auch Ethnologen, die mittels Zeitzeugeninterviews die Phase des Niedergangs in Bergbauregionen dokumentieren und so Vergleiche v. a. mit ersten Niedergangserscheinungen in der frühen Neuzeit zulassen.

Das zweite Projekt (Namenökologie Flurnamen und Landschaftsökologie im hinteren Ötztal) versucht eine Verschränkung von Namenkunde und Ökologie: welche Landschaftsteile waren zum Zeitpunkt der Namengebung relevant, um benannt zu werden? Welchen Aussagewert haben Flurnamen in Bezug auf Nutzung und Nutzungsänderung der Landschaft? Wie stimmt das mit gegenwärtigen ökologischen Bedingungen überein? Zu diesem Zweck wurden und werden lokale InformantInnen nicht nur über die Lokalisierung von Flurnamen befragt, sondern auch über einstige und rezente Nutzungsbedingungen in dieser hochalpinen Kulturlandschaft. Einen ähnlichen Zweck verfolgte außerdem das bereits abgeschlossene Projekt Flurnamen und Berglandwirtschaft Landwirtschaftliche Nutzung und Nutzungsänderungen im Spiegel der Flurnamen in Obergurgl (Ötztal).

Alpine Archäologie: Vielen Dank für Ihre Mitarbeit, Frau Kathrein!

Kathrein, Y. 2010. Die Namen in der Silvretta – sprachliche Relikte als Zeugnisse menschlicher Existenz im Hochgebirge. In: Reitmaier, T. (ed.) Letzte Hirten, erste Jäger: Hochalpine Archäologie in der Silvretta, Zürich: Abt. Ur- und Frühgeschichte, Universität Zürich, 77-86.

mhfc


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2 Antworten zu “Drei Fragen an … Y. Kathrein

  1. Der Familienname Kathrein ist ein sogenanntes Metronym, also ein Familienname, der auf einen Frauenrufnamen zurückgeht, und zwar auf Katharina. Jemand, dessen Zuname so lautete, war also Sohn/Tochter der Katharina. Im Gegensatz zu Patronymen, also Vaternamen, sind Metronyme relativ selten.

  2. Hallo,
    ich habe eine Frage zu den Familiennamen KATHREIN. Wie ist der Name entstanden und wo kommt er her?
    Über einen Hinweis würde ich mich freuen.
    M.f.G.
    G. Kathrein

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