3 Fragen an … Prof. Ph. Della Casa

Drei Fragen an Prof. Dr. Philippe Della Casa, Abteilung Ur- und Frühgeschichte, Universität Zürich. Die Abt. UFG hat eine lange Tradition in der Erforschung der Archäologie im Alpenraum. Prof. Della Casa hat diese Tradition weitergeführt. Einige Projekte der Abt. UFG sind der „Grisons Alpine Valleys Survey“ und das „Leventina – Prehistoric Settlement Landscape Project“. Das Leventina Projekt wird zurzeit für die Publikation vorbereitet. Weitere Informationen und Literatur findet man selbstverständlich auf der Forschungswebsite der Abt. UFG.

Alpine Archäologie: Seit Jahren forschen Sie in den Alpen. Was fasziniert sie so an der Archäologie der Alpen, dass es Sie immer wieder dorthin zurück zieht?

Prof. Della Casa: Die Faszination für die Archäologie der Alpen ist zu einem guten Teil die Faszination für die Alpen an sich: gewaltige Naturlandschaft, Unwirtlichkeit, Herausforderung für den Menschen, eigenständige Kulturlandschaft… Zudem sind die Alpen archäologisch vergleichsweise noch wenig erforscht: es gibt ganz viel Raum für neue Entdeckungen, für neue Fragestellungen – v.a. im Bereich der Humanökologie – und für neue Interpretationen. Die Alpen sind uns – auch in Zürich: man schaue an einem Föhntag aus dem Fenster – so nahe, und trotzdem ist so vieles ihrer Geschichte immer noch weitgehend unbekannt – da schlägt das Forscherherz höher…

Alpine Archäologie: Es gibt einen grossen Unterschied in der Art wie die Universitäten und denkmalpflegerische Instanzen (u. A. Kantonsarchäologien) mit der Archäologie in den Alpen umgehen und in der Menge und Art der der Aufmerksamkeit die sie bekommt. Welche Rolle sollen und können die Universitäten (und damit auch die Studenten) spielen um dies zu ändern oder verbessern?

Prof. Della Casa: Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre haben gezeigt, dass in den Alpen eigentlich nur zielgerichtete archäologische Forschung – mit konkreten Fragestellungen und angepassten Methoden – zu neuen Erkenntnissen führen kann. Der Fundzufall, wie er durch Infrastruktur und Bauprojekte bedingt ist, führt oft zu einer Wiederholung des bereits Bekannten – sofern überhaupt eine genügend starke archäologische Lobby besteht, um sich mit (potentiellen) Funden auseinanderzusetzten. Leider gibt es ja gerade unter den Alpenkantonen eine ganze Reihe, die immer noch keine Bodendenkmalpflege besitzt, die diesen Namen verdienen würde.

Es ist ein Irrtum zu glauben, die Universitäten könnten hier in die Bresche springen. Aber sie können durch ihre Forschungen und Projekte die Aufmerksamkeit auf die alpine Archäologie und ihre Probleme lenken, und so zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen. „Public awareness“ ist ein anderer wichtiger Faktor, zu welchem Universitäten und Studierende – z.B. über eigene Projekte oder Initiativen – ihren Beitrag leisten können.

Alpine Archäologie: Was sind für Sie die wichtigsten Fragen in der alpinen Archäologie heute und für die nahe Zukunft?

Prof. Della Casa: Grundlegende Veränderungen in der alpinen Kultur, v.a. bei den herkömmlichen Wirtschaftsweisen (Alpwirtschaft, Bergbauerntum), führen dazu, dass vermehrt alte und sehr alte Kulturlandschaften aufgelassen, oder schlimmer noch, melioriert oder re-naturiert werden, wodurch sie als historisch-archäologische Quellen verloren gehen. Parallel dazu ist die letzte Generation von Menschen, die noch die althergebrachten alpinen Agrartechniken selber miterlebt hat, am aussterben – dieses Wissen droht also verlorenzugehen. Die Archäologie als eine kulturanthropologische Wissenschaft hat hier eine wichtige Rolle zu spielen.

Grosse Defizite bestehen noch bei der Frage der Siedlungen, Werkplätze, Verkehrwege – die Archäologie wird sich vermehrt ihrer dritten Dimension, derjenigen des „Raumes“, widmen müssen, um die ökologischen, ökonomischen und sozialen Prozesse der Landschaftsentwicklung zu verstehen.

Ein weiteres Kapitel ist die Klimaerwärmung, und damit einhergehend das Abschmelzen der Gletscher, was über kurz oder lang zur Freisetzung von weiteren Gletscherfunden à la Ötzi oder Schnidejoch führen dürfte – hier müsste ein geeignetes Monitoring aufgesetzt werden.

Vielen Dank für Ihren Mitarbeit, Prof. Della Casa!

mhfc

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