Archiv der Kategorie: oral history

Zugtiere – Nur Pferde und Rinder?

Beide letzten Beiträge erwähnen Rinder und Pferde als Zugtieren. Dieses Bild aus den 1960-er Jahren zeigt, dass es auch bis vor Kurzem noch eher unerwartete Zugtieren gab! Es ist Teil von Ausstellung über Trimstein(Münsingen, Kt. Bern). Nicht alpine, aber doch …

(mhfc)

Als noch «Bäri» und «Bella» die Milch in die Käsi brachten: Undatierte Aufnahme des einstigen Knechts Fritz Egl. Schloss Münsingen

Als noch «Bäri» und «Bella» die Milch in die Käsi brachten: Undatierte Aufnahme des einstigen Knechts Fritz Egl. Copyright: Schloss Münsingen (Klick für Webseite).

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Oral History, Flurnamen und historische Analogien in der alpinen Archäologie, 2

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des e-learning Kurs Alpine Archaeology: tools and technigues, Abt. Ur- und Frühgeschichte, UZH.

Flurnamen, Zeitzeugenaussagen und historische Analogien/Beispiele informieren über das, was wir meist nicht finden. Wir möchten in diesem Blogeintrag auf zwei dieser Methoden und ihren Informationsgehalt für die prähistorische Archäologie näher eingehen. Besonders im Alpenraum haben wir Archäologen das Problem, dass materielle Funde eher rar sind. Und doch wissen wir, dass der Alpenraum schon früh bewirtschaftet wurde. Wie finden wir jetzt aber heraus, wie diese Alpenbewirtschaftung in etwas ausgesehen haben könnte?

Die erste Möglichkeit, die man anwenden könnte, ist die Ethnographische Analogie. Wir suchen uns also Kulturen, die noch möglichst nahe an der angenommenen archäologischen Wirklichkeit leben und schauen uns an, wie sie die Dinge tun, die wir untersuchen wollen. Wir ziehen aus dem Alltagsleben dieser Kulturen also Rückschlüsse auf die mögliche prähistorische Realität.

1. Ethnographische Analogien

Dieser Beitrag setzt seinen Fokus auf die Entwicklungstechnik der Landwirtschaft in unterschiedlichen Ländern der Erde.

Die ethnographische Analogien zwischen diesen Ländern wird durch das Beobachten der Technik in der Landwirtschaft plausibel.

Der Bauer aus einen ferngelegenem Dorf in Afghanistan (1Foto) pflügt mit beinah gleicher Technik und dem gleichen Werkzeug sein Land, wie der Bauer aus Deutschland (2Film) Und die 3Vorlesung über die Kulturentwicklung im Neolithikum von Mitteleuropa mit dem Untertitel „ Siedlungswesen“ zeigt auf der Seite 10 der Folien das gleiche Bild (Zeichnung) eines Bauers, der mit denselben Methoden und Techniken den Boden bearbeitet.

Die untenstehenden Bilder zeigen das gleiche Vorgehen der Bauern beim Pflügen an unterschiedlichen Orten auf der Erde. Dies kann eine Analogie für das intuitive Verhalten der Menschen sein. Mit anderen Worten, der Mensch handelt in gewissen Bereichen des Lebens gleich wie ein anderer Mensch an einem anderen Ort der Erde. Dieses Thema ist ein sehr komplexes und bedarf einer Reihe von „ethnogeographischen“ Untersuchungen, welche mit der Entwicklung der Kultur und Sitten der untersuchten Gesellschaften verbunden sein müssen.

csm_landwirtschaft_14_f6738226b9

Die Kuh, das wichtige funktionelle Mittel der Landwirtschaft.
http://liportal.giz.de/fileadmin/_processed_/csm_landwirtschaft_14_f6738226b9.jpg

 

 

Wieder die Kuh als Hilfsmittel und die gleiche Technik des Pflügens, dieses Mal in Afghanistan: http://www.medienarchiv.com/Asien/Afghanistan/Afghanistan-1968/Afghanistan1.htm

Wie die Bauer früher lebten:http://www.youtube.com/watch?v=bFCnQywHBSw

Landwirtschaft gestern: Ackerbau in der Schweiz um 1936:http://www.youtube.com/watch?v=Yq2ojom6wAk

Joseph2pflug

Das Pferd als Hilfsmittel aber die gleiche Arbeitsvorgänge auf dem Land. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph2pflug.jpg

 

Vergleichbarkeit?

Dabei stellt sich das Problem der Vergleichbarkeit. Können wir wirklich aus heutigen Kulturen Rückschlüsse auf die Prähistorie ziehen? Auch wenn die Kultur noch so „ursprünglich“ lebt, allein die Anwesenheit des Forscher ist für sie ein Kontakt mit der sogenannten „Zivilisation des 21. Jahrhunderts“ und damit ein Eingriff in diese „Ursprünglichkeit“. Doch wenn wir als Archäologen dies bei unseren Untersuchungen berücksichtigen, so sind durch ethnographische Analogien durchaus vorsichtige Rückschlüsse auf die Prähistorie möglich.

(RB & LR)

2. Oral History

Die zweite Möglichkeit ist die „Oral History“. Diesen Begriff in der Archäologie zu gebrauchen, mag etwas irritieren, denn wen soll man den befragen? Die Zeitzeugen der Prähistorie sind ja alle schon lange tot!

Doch wie bei der ethnographischen Ethnologie kann man auch aus der näheren Vergangenheit durchaus Rückschlüsse auf die prähistorische Situation ziehen. Besonders in der Alpwirtschaft hat sich nicht so viel geändert seit dieser Zeit. Noch vor 50 bis 100 Jahren wurde in den Alpen mit recht primitiven Mitteln gewirtschaftet. Indem wir nun Interviews mit diesen älteren Zeitzeugen führen und sie erklären lassen, wie sie gelebt und gearbeitet haben, kann man durchaus Parallelen zur prähistorischen Situation ziehen.

Ein anderes Beispiel sind Flur- und Ortsnamen, die Hinweise auf die frühere landwirtschaftliche Bewirtschaftung dieser Landstriche geben können. Diese Flurnamen existieren bis heute und können aus verschiedenen Sprachen abgeleitet werden. Ganz grob lässt sich sagen, dass drei Sprachschichten in der Schweiz vorkommen. Keltisch, Romanisch und Alemannisch.4

Oral History2 aa13

Beispiel 1: Flurnamen in Grindelwald (auf Landwirtschaft hinweisende Namen sind z.B.: IN der Lienzweid, In der Weid, Auf der Fuhrermatte, Im Waidli, im Zaun)5

 

Beispiel 2: In der Umgebung von Frauenkappeln gibt es viele Ortsnamen, die auf -weid, -matt und -ried enden. Alle diese Endungen weisen auf Weiden, Grasflächen und gerodete Gebiete hin. Also auch hier wieder ein Hinweis auf landwirtschaftliche Nutzung des Geländes.

Link zur Karte: http://www.zumbo.ch/maps/navigate/23/karte.jpg

(LR)

Quellen:

Drei Fragen an … Y. Kathrein

Drei Fragen an Yvonne Kathrein, Germanistin an der Universität Innsbruck und beteiligt am Rückwege – Archäologie in der Silvretta Projekt (Kathrein 2010). Mehr Informationen zur Arbeit von Y. Kathrein findet man auf der Institutssite.

Alpine Archäologie: Sie sind u. A. am Forschungsprojekt „Rückwege“ im Silvrettagebirge beteiligt. Was macht es so interessant für eine Germanistin mit Archäologen zusammenzuarbeiten?

Y. Kathrein: Orts- und Flurnamen erlauben nicht nur Einblicke in topographische Gegebenheiten, sondern auch in die Nutzung der Landschaft durch den Menschen. So weisen etwa Namen wie Lärchleite, Hüttenboden oder Kuchlkofel zum einen sowohl auf die Topographie als auch auf den Bewuchs des benannten Objektes, indem sie jeweils eine Hangneigung (Leite), eine Ebene (Boden) und eine Geländeerhöhung (Kofel) bzw. in diesem Fall den Bewuchs mit Lärchen in ihrem Namen inkorporieren. Sie transportieren zum anderen aber auch Informationen über die rezente oder einstige Nutzung dieser Landschaft, z. B. die Errichtung einer Hütte an der benannten Stelle. Gleichzeitig lassen sie aber häufig auch sehr viele Fragen offen: ist der Lärchenbewuchs natürlich oder steht er Zusammenhang mit eventueller Weidewirtschaft? (Lärchwiesen wurden zu diesem Zweck oft künstlich geschaffen, da sie dem Vieh Schutz vor Wind und Wetter boten, aber auch Grasbewuchs zuließen.) Wann wurde die (möglicherweise gar nicht mehr existierende) Hütte am Hüttenboden errichtet und zu welchem Zweck? Was meint der Namenbestandteil Küche? Handelt es sich dabei tatsächlich um ein Gebäude, in dem gekocht wurde (etwa, um sich während der mehrere Tage andauernden Mäharbeit im Gebirge selbst mit warmen Speisen zu versorgen). Oder sind damit Felshöhlen gemeint (das ist nämlich die zweite Bedeutung des Wortes). Spätestens hier beginnen also die Schwierigkeiten bei der Nameninterpretation, die man in einem monodisziplinären Ansatz nicht lösen wird können. Insofern tun sich durch eine Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, etwa archäologischen, ganz neue Möglichkeiten zum Verständnis des Forschungsmaterials auf. Umgekehrt ist es aber genauso spannend, zur (Teil)-Beantwortung archäologischer Fragestellungen beitragen zu können: da, wie bereits erwähnt, Toponyme (Örtlichkeitsnamen) Informationen über Topographie, Bewuchs oder die Landnutzung zum Zeitpunkt der Namengebung liefern, ermöglichen sie es, potentielle Fundstellen zu lokalisieren und teilweise auch zur Interpretation des archäologischen Befundes beizutragen. Auch die Frage nach den Namengebern und somit nach bestimmten Nutzungsphasen kann durch onomastische (namenkundliche) Forschungen beantwortet werden, sobald mehr als eine Sprachschicht im Namenmaterial vorliegt. So zeugen etwa Namen wie Lartscheid (< *laricedu „[Wiese mit] Lärchenbestand“), Gampertun (< *campu rotundu „rundes Feld“) oder Tobadill (< *tabulatillu „kleiner Heustadel“) nicht nur von romanischen Namengebern, sondern sie geben auch Auskunft über deren Wirtschaftsweise. Darüber hinaus informieren sie aufgrund bestimmter sprachlicher Phänomene (etwa die Lage des Akzentes) über den ungefähren Eindeutschungszeitpunkt. Solche Informationen warten natürlich nur darauf, an archäologische Ergebnisse angeknüpft und im besten Fall verifiziert zu werden. Das Spannende ist also, Weiterlesen